Eine Kleine Anfrage und die Antwort darauf verärgerte die Arztekammer Sie wehrt sich dagegen, dass das Gesundheitswesen einmal mehr zum Politikum wird. Ruth Kranz-Candrian, Sprecherin der Arztekammer, über fleissige Arzte, gute Qualität und unnötige Kritik.
Mit Ruth Kranz-Candrian sprach Janine Köpfli
Frau Kranz-Candrian, wenn es um Gesundheit und ihre Kosten geht, wird die Bevölkerung oft mit Statistiken und Vergleichszahlen bombardiert. Was aufklären soll, verwirrt oft mehr. Wie steht es um die liechtensteinische Gesundheitsversorgung ganz ohne Zahlen gesprochen?
Ruth Kranz-Candrian: Um die liechtensteinische Gesundheitsversorgung steht es sehr gut. Sie befindet sich auf einem hohen Niveau und das ist belegbar. Die Patientenzufriedenheit ist hoch. Eine Studie, die von der Regierung in Auftrag gegeben wurde, belegt, dass über 90 Prozent der Bevölkerung sehr zufrieden sind mit der ärztlichen Versorgung. Solch hohe Zahlen gibt es in kaum einem anderen Land. Studien zeigen auch, dass unsere Gesundheitsversorgung finanzierbar ist. Und nicht nur finanzierbar, sie ist auch zur Schweiz gesehen relativ kostengünstig. Die jüngsten Zahlen des BAG - Bundesamt für Gesundheit Schweiz - zeigen, dass die ambulanten Arztkosten in Liechtenstein deutlich weniger stark angestiegen sind als in der Schweiz.
«Ein falsches Bild der Realität vermittelt»
Kürzlich veröffentlichte das Ressort Gesundheit im Zusammenhang mit einer Kleinen Anfrage aber Zahlen, die das Gegenteil sagen, dass nämlich die Arztkosten in Liechtenstein deutlich mehr angestiegen sind als in der Schweiz. Wie erklärt sich das die Ärztekammer?
Die Antwort des Gesundheitsministers auf die Kleine Anfrage von Wendelin Lampert ist für uns irritierend tendenziös. Der Abgeordnete Wendelin Lampert lässt keine Gelegenheit aus, um allen weiszumachen, dass man den Tarmed hätte einführen sollen. Wenn man die Zahlen des BAG genau studiert, dann sieht man, dass die Kosten bei den niedergelassenen Ärzten um ein Prozent weniger angestiegen sind als in der Schweiz. Die Abgabe von Medikamenten durch den Arzt hat kostenmässig in Liechtenstein um 0,8 Prozent, in der Schweiz um 1,8 Prozent zugenommen. Bei uns im Vergleich mit der Schweiz überdurchschnittlich angestiegen sind die ambulanten und stationären Spitalkosten und die Laborkosten. Wir können uns also nicht erklären, warum der Gesundheitsminister die Kleine Anfrage von Wendelin Lampert nicht differenzierter beantwortet hat. So schafft er unserer Ansicht nach ein falsches Bild der Realität. Das stört die Zusammenarbeit, die seit zwei Jahren sehr produktiv war.
Hat sich die Arztekammer direkt an das Ressort Gesundheit gewandt?
Selbstverständlich haben wir das Gespräch mit dem Gesundheitsminister gesucht, um ihn nach den Gründen zu fragen, warum die Lage so verzerrt dargestellt wird. Der Minister liess uns ausrichten, er habe in absehbarer Zeit keinen Termin frei. Das irritiert uns, besonders weil die Arztekammer bisher sehr viel Zeit und Herzblut in die Gesundheitsreform gesteckt hat.
Eine überparteiliche Gesundheitskommission versucht, die Probleme im Gesundheitswesen zusammen mit der Ärztekammer zu lösen. Wie sind die Fortschritte?
Die Gespräche mit allen Beteiligten sind äusserst konstruktiv. Auch ausserhalb der überparteilichen Gesundheitskommission, dem sogenannten runden Tisch, zeigt sich eine erfreuliche Zusammenarbeit mit vielen Verbänden. So haben wir z. B. mit dem Amt für Gesundheit den neuen Vorsorgeuntersuch ins Leben gerufen. Es laufen Verhandlungen mit dem LKV auf verschiedenen Ebenen, die sich überaus effizient gestalten. Die Bedarfsplanung, die die Arztekammer mit dem LKV zusammen erarbeitet hat, wurde gerade eben vom Parlament verabschiedet. Zusammen mit dem LKV und dem Sozialfond wird auch über integriertes Case Management gesprochen. Darüber hinaus liefern wir auch viele intellektuelle Inputs.
Beispielsweise hat die Regierung viele Ideen weiterverfolgt, die im Gesundheitssymposium 2006 geboren wurden. Dass das Gesundheitswesen nicht nur ein Kostenpunkt ist, sondern auch ein Marktfaktor, wurde erstmals am Gesundheitssymposium von Prof. Nefiodow erwähnt. Politisch wurde diese Idee dann weiterverfolgt und in den Landtag gebracht. Auch die Kosten- und Qualitätskommission wurde durch eine Initiative der Arztekammer ins Leben gerufen.Wir sind ein konstruktiver Partner, der unzählige Ideen und Verbesserungsvorschläge bringt. Permanente Kritik an der Arzteschaft ist an Hand des Istzustandes und der von der Regierung durchgeführten Studien, die der Arzteschaft allesamt ein positives Zeugnis ausstellen, schlicht nicht angebracht.
Wäre der Tarmed denn besser gewesen?
Nein, auf keinen Fall. Wir sehen ja heute, was in der Schweiz passiert. Das Gesundheitssystem unserer Nachbarn, vor allem die ambulante Versorgung, bricht nach und nach zusammen. Kleine abgelegene Dörfer finden keinen Hausarzt mehr, mittlerweile ist die Grundversorgersituation auch in besser frequentierten Gebieten wie dem Rheintal oder dem Toggenburg schlecht. Wenn keine Hausärzte mehr vorhanden sind, wird die Gesundheitsversorgung primär in den Bereich der Spezialisten oder Spitäler verlagert, was das System weiter verteuert. Viele Regionen können mittlerweile keinen 24-Stundennotfalldienst mehr bieten, dieser funktioniert bei uns in Liechtenstein nach wie vor bestens. In den Spitälern herrscht Personalmangel und oft werden die Patienten aus personellen und finanziellen Gründen sehr früh nach Hause entlassen. Unter den Sparmassnahmen und deren Folgen leidet die Qualität und damit ganz direkt auch der Patient.
«Langfristig mit Qualität Kosten sparen»
Qualität, die in Liechtenstein gegeben ist?
Ja, auch das zeigen Umfragen und Studien. An dieser Qualität will die Ärztekammer auch festhalten, denn mittel- und langfristig werden wir mit Qualität Kosten sparen. Nichts ist teurer, als der Verlust von Qualität, das wird jeder Betriebsökonom bestätigen.
Das Gesundheitswesen wird also wieder zum Politikum?
Wir wollen hoffen, dass dem nicht so ist. Sachlich wäre die Verpolitisierung für das Gesundheitswesen und damit auch für die Patienten fatal. Die Arztekammer will deshalb nicht, dass im Namen eines Wahlkampfes Aspekte des Gesundheitswesens geopfert werden. Das würde nämlich nur die Schwächsten der Gesellschaft, die Kranken treffen. Dabei muss beachtet werden, dass diejenigen, die zu spät zumArzt gehen, unter Umständen genauso viele unnötige Kosten verursachen, wie diejenigen, die sofort und wegen jeder Kleinigkeit einen Arzt konsultieren
Glaubt man den Zahlen des BAG und den Studien, haben die Iiechtensteinischen Ärzte scheinbar kosteneffizienter gearbeitet, da die ambulanten Arztkosten nur um 2,4 Prozent (in der Schweiz um 3,4 Prozent) anstiegen.
Das ist so. Das zeigt sich nicht nur in den BAG-Zahlen, sondern auch in der von der Regierung beauftragten Duttweiler- Studie (siehe Kasten).
Noch heute gibt es Personen, die der Meinung sind, dass das Hausarztsystem die kostengünstige Variante war. Wird das Hausarztsystem noch einmal ein Thema?
Wir finden es nach wie vor schade, dass man das Hausarztsystem ohne den Nachweis klarer Zahlen gekippt hat. Es gab Tendenzen, die eindeutig für dieses System gesprochen haben. Das Hausarztsystem ist zwar im Moment nicht Gegenstand der aktuellen Diskussion, könnte es unserer Ansicht nach aber durchaus wieder werden. Man müsste es auf jeden Fall als sinnvolle Alternative betrachten.
Die Liechtensteiner gehen laut der bereits erwähnten GDI-Studie doppelt so oft zum Arzt wie ihre Schweizer Nachbarn. Woher kommt das?
Ich glaube, dass die Liechtensteiner eine Gesellschaft sind, die es gewöhnt ist, sofort einen Arzt bei der Hand zu haben. Auffallend ist das vor allem im Notfalldienst. In Liechtenstein gibt es mehr als doppelt so viele Notfälle wie in der benachbarten Schweiz. 40 bis 50 Prozent dieser Notfälle sind vom medizinischen Standpunkt gar nicht als Notfall zu werten. Das Anspruchsverhalten ist bei uns sicher anders als in der Schweiz.
Umso erstaunlicher sind die Zahlen.
So ist es. Die Bevölkerung ist hoch anspruchsvoll und trotzdem hoch zufrieden. Wir sind pro Kopf über 200 Franken günstiger als die Schweiz. Das ist für uns ein Qualitätszeugnis sondergleichen. Unsere Krankenkassenprämien liegen dabei rund 1300 Franken tiefer, als diejenigen in der Schweiz. Die Finanzierung des öffentlichen Anteiles liegt bei uns um mehr als 20 Prozent tiefer als in der Schweiz.
«Unser Gesundheitswesen ist finanzierbar»
Wie ist das möglich? Arbeiten liechtensteinische Ärzte mehr als ihre Schweizer Kollegen?
Wir scheinen nicht nur mehr, sondern auch kostengünstiger zu arbeiten. Dies lässt sich auf jeden Fall der Duttweiler- Studie entnehmen, die besagt, dass wir eine geringere Anzahl Arzte pro 1000 Einwohner aufweisen, als die Schweiz (2,3 versus 3,8), die Arztkonsultationen pro Jahr bei uns rund doppelt so hoch sind wie in der Schweiz (6,7 versus 3,4) und wir doch einen geringeren Aufwand pro Kopf aufweisen als die Schweiz (6703 versus 6929 Franken).
Könnte auch jeder Einzelne Kosten im Gesundheitswesen sparen?
Ja, das betont die Ärztekammer immer wieder. Man müsste die Bevölkerung sensibler machen. Die Menschen sollten sich überlegen: «Wann bin ich eigentlich ein Notfall? Wann brauche ich einen Arzt oder Arztin?»
Zwar sagt die Studie zur Nachhaltigkeit der Fiskal- und Sozialpolitik, dass Liechtenstein sein heutiges Gesundheitssystem noch mindestens 40 Jahre finanzieren kann. Muss sich trotzdem etwas ändern?
Kostengünstiger wird auch unserer Gesundheitswesen wahrscheinlich nicht. Die medizinischen Möglichkeiten entwickeln sich weiter. Obwohl die Studie den medizinischen Fortschritt mit einberechnet hat, zeigt sie klar, dass Liechtenstein sich sein Gesundheitswesen mehr als leisten kann. Es wäre trotzdem falsch, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Wir können unsere Gesundheitsreform aber in Ruhe und überlegt angehen. Im Wissen, dass wir eine beneidenswert gute Ausgangslage haben, <br>müssen wir uns nicht einem hektischen Reformzwang unterwerfen, sondern wären grundsätzlich in der Lage, vernünftig über Sachthemen zu diskutieren. Polemik und Politik haben in einer Gesundheitsreform unserer Ansicht nach nichts zu suchen. Liechtenstein kann sich glücklich schätzen, ein so gut funktionierendes Gesundheitswesen sein eigen zu nennen. Die Arztekammer wird alles daran setzen, dass sich daran nichts ändert. Wir sind ein verlässlicher Garant für eine gute, finanzierbare medizinische Versorgung für alle Bevölkerungsschichten.